reisebericht: unterwegs mit einem als behindert gelesenen menschen…

Vorweg: Ich spreche weder für irgendjemanden, noch maße ich mir an in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Menschen schauen zu können. Gerade in Bezug auf Menschen die sich nicht klar artikulieren können, wie in diesem „Fall“, ist mir das sehr wichtig.
Ich schildere meine Erfahrung und meine Eindrücke. Es ist durchaus möglich, das L das ganz anders erlebt hat. Was mir bleibt ist das, was ich in den 7 Tagen die wir gemeinsam unterwegs waren erlebt habe, und meine Wahrnehmung davon, wie es L damit gegangen ist. Leider wird sich L dazu vermutlich nie klar äußern können, umso wichtiger ist es, seine Anonymität zu schützen.
Ich werde auch keinen konkreten Laden outen (was mir persönlich wirklich schwerfällt, weil ich der festen Überzeugung bin, das im ein oder anderen Fall nur der spontane, heiße Abriss helfen würde), nicht um die Läden und Organisationen zu schützen, sondern weil auch das Ruckschlüsse auf Identitäten zuließe. Menschen, die diesen Text lesen und glauben dabei gewesen zu sein, fordere ich dazu auf, Rücksicht auf die zu nehmen, die nicht für sich selbst entscheiden können (oder dürfen) ob sie benannt werden wollen und nicht konkreter zu werden.

Da die von mir massiv kritisierte Unterkunft der Diakonie zuzuordnen ist, sich also christlichen Werten verpflichtet fühlt, benenne ich das dann doch sehr klar. In wie weit sich die geschilderten Situationen, Aussagen, usw. mit angeblich christlichen Werten vereinbaren lassen, wüsste ich dann nämlich doch gerne. Deutlicher kann Diskriminierung in Bezug auf Menschen mit Behinderung kaum sein, ohne in Erwägung zu ziehen Menschen in Lagern aufzubewahren. In diesem Sinne: FICKT EUCH! – eine nettere Formulierung fällt mir dazu nicht ein.

Ein Letztes noch: Mir ist völlig egal, welches Krankheitsbild ein Mensch hat und wie er gelesen wird. Ich für meinen Teil war mit einem Menschen unterwegs, der alleine nicht einfach so unterwegs sein kann und deshalb jemanden braucht, der mit ihm zusammen unterwegs ist. Ich selbst betrachte mich in diesem Zusammenhang nicht als Betreuer sondern als eine Art Assistenz (ohne mir offizielle Definitionen dieser Begrifflichkeit zu eigen zu machen). Ich bin weder ausgebildet in diesem Bereich (was es für meine Tätigkeit auch einfach nicht braucht), noch halte ich mich für furchtbar kompetent. Was mich meiner Meinung nach qualifiziert ist mein eigenes Mensch sein und mein Menschenbild. Ich bin überzeugt davon, das jede*r das Recht hat zu entscheiden, was er wann wie wo tun möchte, oder eben auch nicht. Freiheit muss per Definition grenzenlos sein, so lange sie nicht die Freiheit anderer einschränkt. Konkret muss ich die Grenze Eigen – oder Fremdgefährdung hinzufügen. Auf Material wird in dieser Definition gepflegt geschissen, weil nichts was gekauft werden kann, die persönliche Freiheit einschränken sollte. Das ist jetzt sehr verkürzt definiert, soll aber nur kurz meine eigene Haltung darstellen.

 

 

Ich habe also einen als „behindert“ gelesenen jungen Menschen auf einer einwöchigen Urlaubsreise an die Ostsee begleitet. Dieser Mensch (L., männlich gelesen, Teenager) kann sich nur sehr eingeschränkt mit Worten artikulieren, dafür aber umso mehr mit Berührung, Mimik, Gestik, oder auch einfach durch Laute und Handlungen. Glücklicherweise versteht er so ziemlich fast alles, so das von meiner Seite aus auch verbale Kommunikation möglich war.

Ein Hauptkommunikationsmittel ist für ihn tatsächlich Berührung, konkret eine Art „krabbeln“ mit den Fingern. Er liebt es, meine Hand zu lenken und mit ihr alles mögliche und unmögliche zu krabbeln. So haben wir dann auch die Busfahrt zum Urlaubsziel verbracht. Haben nebeneinander gesessen, gekrabbelt, er hat ausgetestet, wo meine persönlichen Grenzen liegen und die auch ziemlich schnell repektiert, ich wiederum habe mir Mühe gegeben ihn kennenzulernen, rauszufinden was er mag und was nicht,…
Schließlich verbringen wir die nächste Woche zusammen, und das dann auch nahezu 24-7.

Und bei unserer Ankunft im Gästehaus ging es dann auch gleich los. Das erste, was passierte war eine rüde Ermahnung mit erhobenem Zeigefinger durch die Hauswirtin nicht ständig auf den Knopf für den elektrischen Türöffner zu drücken, nicht nach mehrmaligem öffnen und schließen, sondern nach dem ersten berühren des Knopfes. Egal, erstmal Sachen in die Zimmer und L.‘s Zimmer kompatibel zu ihm machen. Da L. Die schöne Angewohnheit hat, alles zu zerlegen, was er in die Finger bekommt, bedeutet das, das Zimmer komplett leerräumen bis auf seine eigenen Sachen und festinstallierte Möbel. Also alles an Deko weg, Fernseher raus, Bilder von den Wänden,… nicht, weil etwas kaputt gehen könnte (schließlich ist das Haus und die Reise gut versichert, also was soll‘s), sondern weil viele der Dinge unter Umständen dann doch auch Gefährdung werden können.

Danach noch schnell zu Abend gegessen und ab nach draußen.

Falls jemand der Leser*innen mal als einzig nüchterner mit einer Gruppe besoffener 17-20jähriger Punks unterwegs gewesen ist – THIS!

Spätestens jetzt war für mich klar, das wir uns lieben werden. Keine Mülltonne, gegen die nicht getreten wurde – kein Verkehrsschild, das nicht versucht wurde aus dem Boden zu reißen – jeder Blumenkübel eine Herausforderung – und die Steine aus dem Kiesbett sind perfekt für Würfe gegen Hauswände (und blöderweise auch Fenster, hier musste ich leider einschreiten). Kurz: überschüssige Energie muss nach 10 Stunden Busfahrt einfach irgendwo hin.
Dieser Spaziergang war für uns beide ein Fest, für ihn um Energie loszuwerden und eine Art Ausgleich hinzubekommen und für mich, weil ich aus dem Lachen nicht rauskam. In der ersten Beruhigungsphase hab ich dann auch eher zu mir, als zu ihm gesagt: „eigentlich schade, das ich hier jetzt immer wieder mal einschreiten muss, eigentlich würde ich viel lieber mitmachen“ – L. hat sich zu mir umgedreht, gegrinst und ich wusste er hats verstanden. Im Laufe der Woche wurde es dann auch noch oft genau das, wir waren als Kumpelz auf Zeit unterwegs und haben zusammen gemacht, was er gerne wollte.

Falls Du lieber*r Leser*in mal die Chance dazu haben solltest jemanden wie L. zu begleiten, Du solltest Dir sicher sein, das Dir so schnell nichts peinlich ist, aber dann werdet ihr echt viel Spaß haben.

So ging das natürlich nicht den Rest der Woche weiter. Wir waren viel unterwegs und L. hatte dadurch auch nicht ständig das Bedürfnis irgendetwas zu zerlegen. Aber manchmal eben doch. Neben relativ viel Sachschaden an seinen eigenen Sachen gab es an objektivem Schaden eigentlich nur noch nen Klorollenhalter, einen demontierte Heizungsverkleidung und einen kaputten Zaun. Also eigentlich alles im grünen Bereich. Bei einer Tour hat er den Rollator eines alten Mannes den Deich runtergeschubst, aber der Mann hing ja nicht dran, daher war das nicht das Problem. Ich hab dem Mann seinen Rollator zurückgebracht und er weigerte sich leider zu verstehen, das L. nicht einfach unerzogen ist, sondern Impulsen halt einfach nachgeht. Aber wen juckt‘s? Für den Mann ist L. jetzt halt die unerzogene Göre – die sehen sich vermutlich eh nie wieder.

Für mich selbst war die Reise höllisch anstrengend und trotzdem eine der geilsten Erfahrungen die ich machen durfte. Ich bin sehr dankbar dafür. Ich würde es jederzeit wieder tun. Um genau zu sein tue ich es in 4 Wochen wieder, mit einem anderen jungen, als behindert gelesenen Mann. Ich bin gespannt und ich freu mich drauf.

So, und jetzt komme ich zu den wirklich erschreckenden Dingen die passiert sind. Die haben aber in den wenigsten Fällen mit L. zu tun sondern eher mit der Umwelt in der wir uns nun mal alle bewegen.

Das Gästehaus.

Viel gelobt, unter anderem ausgezeichnet vom Bundesministerium für Familie, Soziales und schieß-mich-tot oder wie das heißt. Ach so behindertengerecht. Ich würde so gerne den Namen nennen und hoffen das es ausbrennt, aber das kann ich nicht machen, weil ich für einen Verein unterwegs war (nicht die Diakonie!), und es sehr schade wäre, wenn solche Reisen für als behindert gelesene Menschen nicht mehr möglich wären. In dieses Haus geht es jedenfalls nie wieder!

Die Harmlosigkeit mit dem erhobenen Zeigefinger am Anfang der Geschichte war noch das netteste, was dort so passiert ist.

Auch wenn ich mit L. weitestgehend unabhängig unterwegs war, da 1zu1-“Betreuung“ (heißt so, sorry), waren wir ja trotzdem eigentlich in einer Gruppe unterwegs. Sehr unterschiedliche Menschen die aus unterschiedlichen Gründen nicht der gängigen Norm entsprechen. Während ich als Begleitperson für L. nur immer wieder Beschwerden zu hören bekam, weil L. zB eine Blumenvase umgekippt hat, oä, gab es gruppenbezogene Ansagen die weitaus heftiger waren und keinesfalls zu tolerieren sind:
– Wir wurden aufgefordert, uns außerhalb der Essenszeiten nicht im Haupthaus aufzuhalten, mit der Begründung die „normalen“ Gäste nicht zu stören (hier übrigens ein fettes DANKE an die „normalen“ Gäste, die im Regelfall sehr freundlich, hilfsbereit und interessiert waren und keineswegs ein Problem hatten – scheint leider nicht selbstverständlich zu sein!).

– mit derselben Begründung sollten Menschen nicht in ihren Rollstühlen auf den Gängen vor den Zimmern rumfahren

– wir wurden aufgefordert, Menschen in Rollstühlen, die nach dem Essen noch nicht gleich den Speisesaal verlassen haben, doch bitte mit dem Gesicht zum Fenster zu drehen, damit andere Gäste nicht gestört würden

und ähnliches.

Hey Diakonie:

ich habe keine Ahnung wie ihr auf die Idee kommt, so etwas für legitim zu halten. Mir ist während des Aufenthaltes in eurem Laden mehrmals echt alles aus dem Gesicht gefallen. Wie steht ihr denn als ganzes so dazu?

Ist das Euer christliches Menschenbild? Wo fängt Mensch denn so für Euch an?

Ja, mir ist schon klar, das es hier um einen Laden in eurem Verein geht, allerdings ist es nicht der erste, der mir in Bezug auf Menschen mit Behinderung auffällt.
Bevor ich anfange unsachlich zu werden, hör ich lieber auf Euch direkt anzusprechen…

Die nicht-involvierten Menschen.
Ich habe während dieser Woche eine Menge positiver Erfahrungen mit Menschen gemacht. Viele Menschen haben Dinge mit Humor genommen, die sie vermutlich gar nicht lustig fanden. Aber es gab auch einige Scheißerfahrungen und einen Teil davon will ich hier auch noch benennen. Interessanterweise sind mir die meißten wirklich blöden Situationen in irgendwelchen Läden begegnet, woran das genau liegt kann ich noch nicht einordnen.

Situation1:
L. brauchte dringend Handschuhe und eine Mütze weil es wider Erwarten echt scheißekalt war und der Ostseewind das ganze natürlich nicht besser macht. Also rein in den nächsten Klamottenladen und Mütze und Handschuhe gekauft – fast.

Da L. durchaus seinen eigenen Kopf hat und auf solche Aktivitäten überhaupt gar keine Lust hat, übereifrige Verkäufer*innen in dem Fall aber auch kein Stück hilfreich sind, wurde „wir gehen mal kurz Mütze kaufen“ zu einer 1-stündigen Aktion inklusive Demontage des ein oder anderen Klamottenregals. Warum? Weil mein Interesse, L. davon abzuhalten den Laden zu zerlegen schlagartig verflogen war, nachdem der Verkäufer entschieden hat, ich solle L. doch einfach die oder die anziehen und „gut is“. Warum auch jemanden so etwas wie individuellen Geschmack zugestehen, der sich eh nicht wehren kann..

Der Versuch dem Verkäufer klarzumachen, das auch L. ein Recht darauf hat sich selbst zu entscheiden stieß dermaßen auf Unverständnis, das es mir leider total unverständlich wurde, warum Klamotten in Regalen besser aufgehoben sein sollten, als auf dem Fußboden.

Klingt gemein? – Nein! Gemein ist es, Menschen zu bevormunden und ihnen möglichst teuren Scheiß aufquatschen zu wollen, weil mensch sich damit schnellen Profit verspricht. Unfair ist es dem nächstbesten „Normalo“ bis zum Anschlag in den Arsch zu kriechen und ihm die 87. Mütze total unterwürfig zu präsentieren, aber dem Menschen mit Behinderung einfach irgendwas auf den Kopf zu setzen und sich möglichst keine Arbeit mit ihm zu machen. Wir sind in dem Laden übrigens nicht fündig geworden – weil L. die Mützen nicht gefallen haben, nicht weil ich sauer war.

Situation2:

Supermarkt. Wir stehen an der Kasse, ich bezahle. L. wird langweilig, also setzt er sich auf den Boden und versucht seine Trinkflasche zu öffnen um zu trinken. Ich bin fertig mit bezahlen und will L. gerade dazu motivieren mit mir rauszugehen und die draußen zu trinken, als der Typ mit dem Einkaufswagen von hinten anfängt zu drohen, L. anzufahren. Kaum gesagt fährt er auf L. zu. Ich spring an L. vorbei, setze mich zu ihm (mit dem Rücken zum Typen) und die einzige Kasse des Ladens ist erstmal besetzt bis wir in aller Ruhe fertig sind. In der Schlange hinter uns gibt es meckernde Stimmen, die Kassiererin ist ungehalten, aber die eine oder andere Stimme äußert Sympathie. Es gibt netterweise nicht nur Arschlöcher hier…
Aber mal ehrlich: was geht in den Köpfen von Menschen vor, die bereit sind einen Menschen einfach so mit dem Einkaufswagen anzufahren? Was läuft hier falsch, wenn dieser Mensch auch noch Zustimmung von anderen erfährt?

Ein Dank geht raus an die, die sich an dieser Kasse nicht auf die Seite dieses Typen geschlagen haben, wenn auch mit einem weinenden Auge, weil es eigentlich so selbstverständlich sein sollte.

Es gibt echt noch ne Menge zu erzählen zu dieser Reise. Aber ich stelle fest, ich bin bei über 2000 Wörtern und ich wollte nur einen kurzen Text schreiben, und kein Buch. Ich weiß, der Text ist etwas unkoordiniert, mir fliegen einfach noch zu viele Gedanken dazu in meinem Kopf rum. Na, ich hoffe ihr versteht ihn trotzdem. Wenn nicht, fragt einfach zurück.

Was mir noch zu sagen bleibt:

Wenn Ihr die Gelegenheit habt, Menschen für ein paar Tage einen Freiraum zu schaffen, in dem sie sein dürfen, wer sie eben sind – tut das. Es ist verdammt wertvoll, auch wenn es anstrengend ist.
Was von begleitenden Personen scheinbar gern mal vergessen wird ist, das es nicht ihr Urlaub ist. Bei so einer Reise geht es nicht um mich. Es ist wichtig das nicht zu vergessen.

Ich hab jetzt 2 Tage gegammelt, viel geschlafen und bin gesundheitlich etwas angeschlagen. Meine Rückenschmerzen lassen langsam wieder nach und meine Wäsche ist wieder sauber und stinkt nicht mehr nach Desinfektionsmittel. Das ist der Preis den ich gerne zahle. Ich will diese Zeit nicht missen. Ich bin sehr dankbar dafür dich begleitet haben zu dürfen, L. Auch wenn es irgendwie pathetisch klingt – Es war mir eine Ehre.

Posted in General | Kommentare deaktiviert für reisebericht: unterwegs mit einem als behindert gelesenen menschen…